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Von
der anhaltenden Unfähigkeit zur Trauer
Das
missglückte Meiser-Gedenken – ein kritischer Kommentar
Viel
Erregung und Aufregung hatte es gegeben – nicht nur aber
vor allem in Nürnberg! Der Grund: Ein für Juni geplanten
Gedenkgottesdienst für den vor 50 Jahren verstorbenen
ehemaligen Landesbischof Meiser.
Zu
viel wissen wir inzwischen über sein zwiespältiges Wirken
und dessen Folgen während der Nazi-Zeit. Ein längst
bekannter, aber nun unter dem aktuellen Blickwinkel dieses
Gedenkens erneut virulent gewordener Aufsatz Meisers aus dem
Jahr 1926 mit mehr als deutlichen antisemitischen Äußerungen
führte im Vorfeld in Nürnberg zu heftigen Reaktionen von
Seiten der Israelitischen Kultusgemeinde.
Landesbischof
Friedrich, der den Gedenkgottesdienst in Nürnberg halten
sollte, reagierte höchst betroffen und verunsichert.
Eine
Unterschriftenaktion Nürnberger Pfarrerinnen und Pfarrer
gegen dieses Vorhaben des Gedenkgottesdienstes, ein
kritisches Schreiben von Prof. Stegemann, selbst Synodaler,
an alle Mitglieder des Landessynode mit einer Fülle von
Belegen bezüglich Meisers höchst problematisches Wirken und
ein sehr gut besuchter Kommentargottesdienst zum aktuellen
Thema des Gedenkens an Meiser in der Lorenzkirche führten
schließlich dazu, dass die geplante Gedenkfeier, die der
Landesbischof schon zur „Bedenkfeier“ umbenannt hatte,
abgesagt wurde.
Noch
immer freilich droht die Umbenennung einer ganzen Reihe von
Meiser-Straßen in verschiedenen Städten Bayerns, so die
Nachrichten zu den Ereignissen um Meiser. Das freilich ist
nicht unsere innerkirchliche Sorge, das ist Angelegenheit der
Städte. Gleichwohl: Es beschäftigt auch diese Frage die
Öffentlichkeit und tangiert damit die Kirchen.
Es
zeigt sich leider auch im innerkirchlichen Gespräch in
diesen Tagen, welches z.B. auch durch eine an sich sehr
verdienstvolle Veranstaltungsreihe der Stadtakademie Nürnberg
zusätzlich angeregt wurde, wie wenig Mut besteht, die
entsetzlichen Irrtümer einer Kirchenleitung und ihres
Bischofs endlich einmal klar und deutlich zu benennen. Es
geht dabei nicht um Anklagen – auch nicht darum, gegen
irgendjemand mit „Steinen zu werfen“, wie gerne
formuliert wird. Es ist schon erstaunlich genug, mit welcher
vorsichtigen Apologie und fast entschuldigend die Reihe der
Erinnerungen und Gedenkversuche an Meiser immer wieder
eingeleitet und vorsorglich bedacht werden: Es gehe nicht um
Verurteilungen, es gehe nicht um persönliche Angriffe .....
Es gehe nicht darum, sich richtend über einen Menschen in
schwieriger Lage zu erheben etc. Worum also geht es?
Welche
Beklemmungen, welche Ängste und Befürchtungen lähmen eine
endlich einmal klare und ungeschminkte Beschäftigung mit
dieser dunklen Zeit einer unsäglichen und für mich nach wie
vor unfassbaren Katastrophe in Deutschland, die auch eine
Katastrophe der Kirchen war?
Dabei
hat die Bayerische Landeskirche einen mutigen Schritt im
Verhältnis zwischen Juden und Christen im Blick auf die
schreckliche Vergangenheit getan: Auf ihrer Herbstsynode 1998
wurde eine „Erklärung der Evangelisch-Lutherischen Kirche
in Bayern zum Thema „Christen und Juden“ verabschiedet,
in dem die Mitverantwortung der Kirche für die Shoa klar
bekannt wird. Dort heißt es freilich auch: „Die
konkreten Verstrickungen, Unterlassungen und das Schweigen
zum Völkermord an den Juden sind eingehender zu
untersuchen.“
Von
diesem Vorhaben ist derzeit im Meiser-Gedenkjahr wenig zu
spüren.
Es geht um
eine Kultur
der Trauer in
unserer Kirche, die trotz der bedeutsamen „Erklärung"
von 1998 vergessen zu werden droht. Trauer und Gedenken
angesichts des Unsäglichen, das damals in Deutschland
geschah – mit stillschweigender Duldung – und das heißt
faktisch: Billigung der Kirchen.
Ich
stehe als älterer Pfarrer dieser Kirche, der im Krieg
geboren, die Nachkriegsjahre und auch die
Nachkriegsdienstjahre von Meiser miterlebt hat, noch immer
sprachlos vor der für mich unbegreiflichen Tatsache, dass
angesichts des beginnenden Terrors gegen Mitbürger des
eigenen Staates im Jahre 1938 – abgesehen von wenigen
Ausnahmen – die Verantwortlichen der
Evangelisch-Lutherischen Kirche zu den Gewaltausbrüchen
schwiegen. Dass sie schwiegen, als die Deportationen längst
begonnen hatten und dies auch bekannt war. Dass zum Gehorsam
gegen dieses Terrorregime von diesem Bischof aufgerufen
wurde. Wie soll man – wie soll ich dieses unglaublichen
Versagens einer Kirchenleitung „gedenken“?!
Hier
ist nur Klage möglich
– abgrundtiefe
Trauer über eine Kirche, die zutiefst Schaden an ihrer Seele
genommen hat. Was hat sie denn gewonnen, sodass man sagen
könnte, ihr Bischof hat sie durch diese Zeit
hindurchgesteuert? Wohin ist sie denn geraten – damals, in
diesen wahrhaft schwierigen Zeiten? Wohin ist sie gekommen,
als die Befreiung vom Naziterror endlich Wirklichkeit
geworden war, in den Kirchen wieder frei und offen geredet
werden konnte und in ihnen keineswegs die nötigen
Konsequenzen, auch personeller Art, aus der Katastrophe,
gezogen wurden?
Im
Gegenteil: Wie schwer hatte es die Kirche und ihre
Leitungsorgane, dem demokratischen Prozess von Staat und
Kirche zu entsprechen, dem Erbe des Widerstandes einen
würdigen Raum in der Kirche zu geben. Wie lange hat es
gedauert, bis Bonhoeffers Schicksal und Wirken wirklich
anerkannt war in dieser Kirche – Meiser hat sich dazu
offenbar nie verstanden.
Daß
es schon während der Anfangszeit des Naziregimes anders
möglich gewesen wäre, zeigt der viel zu lange so gut wie
vergessene Vorstoß von Wilhelm Freiherr von Pechmann, dessen
mutige Stimme und tragischen Weg zu würdigen unsere
Landeskirchen inzwischen endlich auch den Mut hat. Auch daran
erinnert die Erklärung von 1998 dankenswerter Weise.
Pechmann hatte Meiser schon 1938 nachdrücklich dazu
aufgefordert, entschieden gegen dieses Unrecht zu
protestieren. Es unterblieb bekanntlich – die Liste der
Versäumnisse und „diplomatischen Rückzieher“ ist
bekannt, die angeblich dazu geführt haben, dass man heute
dankbar dafür sein dürfe, dass“ er seine Kirche durch
eine schwierige Zeit hindurchgesteuert“ habe.
Was
soll das eigentlich heißen?
Kann
man hier tatsächlich das Rechnen anfangen wollen und
Bemühungen „im Stillen“ verweisen, die da mehr oder
weniger hilfreich waren und faktisch Schutz für von
Verfolgung Betroffenen bedeutete? Oder was sonst noch alles „
Gutes“ geschehen ist, das ja nicht in Abrede gestellt
werden soll?
Dem
Geist solchen Aufrechnens und damit faktischen
Rechtfertigungsversuchen huldigt die umfangreiche
„Dokumentation“ im Internet, die, man staunt wahrhaftig,
als „Offizielle Homepage“ unter „landesbischof-meiser.de“
vorgestellt wird. Dem Leser werden gleich zu Beginn
entsprechende belehrende Hinweise gegeben, wie das Wirken des
damaligen Landesbischofs zu würdigen und was alles zu
beachten sei, damit ihm ja ein entsprechend
ehrfurchtgebietendes Bild des ohne Zweifel schwer geprüften
Mannes vor Augen stehen kann. Ich habe diese Seiten als einen
Versuch der Einschüchterung anders denkender und urteilender
Zeitgenossen empfunden. Die Fülle der Meiser verteidigenden
und seine Kritiker regelrecht denunzierender Äußerungen
atmet einen Geist, der wenig von dem spüren lässt, was
unserer Kirche angesichts der erfahrenen Katastrophe
wenigstens heute, nach Jahrzehnten einer weitgehend inneren
Lähmung im Blick auf die trauernde Aufarbeitung der
Nazi-Zeit gut anstünde.
Dass
dies noch immer so schwierig ist, muss wohl als Folge einer
offenbar in unserem Land und unserer Kirche immer noch
anhaltenden Psychodynamik verstanden werden, die Alexander
Mitscherlich erst mal 1967 in seinen psychoanalytischen
Analysen zur deutschen Nachkriegssituation beschrieben hat:
„Die Unfähigkeit zu trauern“.
Da
geht es ja auch um „narzisstische Kränkungen“, wie sie
für all die sehr verständlich sind, die als nähere
Angehörige mit dem Leben Meisers besonders verbunden sind.
Ihnen,
die sie mit der Last eines schwierigen Erbes in besonderer
Weise zu leben haben, sei dies zugestanden. Quasi wie
selbstverständlich erlebe ich aber noch immer eine
unkritische Identifizierung mit einem Mitglied der Kirche von
damals – mehr ist auch nach evangelischem Verständnis der
Bischof nicht !
Da
lebt ein Untertanengeist weiter, der unserem evangelischen
Glauben zutiefst widerspricht – damals wie heute!
Ich
wiederhole es noch einmal: Es
geht nicht um Recht oder Unrecht einer Person,
die man bei kritischer Betrachtung zum „Sündenbock“
machen möchte, wie die „offizielle homepage“ des
ehemaligen Landesbischofs gerne unterstellt. Es geht um den
verhängnisvollen Weg der Kirche, der zu beklagen und zu
betrauern ist. Dass ich das Empfinden haben muss, dass eben
dies noch immer nicht wirklich begriffen ist, macht mich
wütend und traurig zugleich.
Diese
ganze Problematik kann die Evangelische Akademikerschaft
nicht unberührt lassen – verdankt sich doch unser Verband
den Versuchen von mutigen und besonnenen Frauen und Männern,
in den schwierigen Zeiten des Kirchenkampfes der Tyrannei aus
christlicher Verantwortung zu widerstehen. Die Ereignisse
dieser Tage im sog. Gedenkjahr zeigen, wie wichtig ein
offenes und selbstbewusstes Engagement evangelischer
Christinnen und Christen ist, die ihre Kirche lieben, aber
ihr auch in kritischer Distanz begegnen und ihr
gegebenenfalls deutlich widersprechen.
Dr.
Hans Birkel, Dekan i.R.
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